Interview: „Privater Konsum könnte die Konjunktur ankurbeln“
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Handelsstreit, Brexit hinterlassen in Deutschland ihre Spuren. Prof. Andreas Peichl vom Ifo-Institut erklärt im Interview, was Anleger von der neuen EZB-Chefin erwarten können und 2020 die primären konjunkturpolitischen Themen sein werden.

onemarkets: Der ifo Geschäftsklimaindex zählt zu den am stärksten beachteten deutschen Konjunkturindikatoren. Seit rund zwei Jahren sinken die Geschäftserwartungen – mit kleinen Unterbrechungen. Aktuell liegen sie auf dem tiefsten Stand seit Sommer 2009. In wichtigen Branchen wie dem Automobilsektor zeigen sich schon Bremsspuren. Steht Deutschland vor einer Krise?

Prof. Andreas Peichl: In der Tat hat sich die konjunkturelle Lage innerhalb der letzten zwei Jahren verschlechtert und die Geschäftserwartungen der Unternehmen sind stetig zurückgegangen. Treiber für die stagnierende Konjunkturentwicklung in den vergangenen Monaten waren neben der schwächelnden Automobilindustrie die nachlassende Nachfrage nach Investitionsgütern und die weltweiten politischen Unwägbarkeiten. Abgemildert wird der Abschwung hingegen durch die stabil positive Entwicklung in den konsumnahen Dienstleistungsbereichen und in der Bauwirtschaft.

onemarkets: Womit rechnen Sie?

Prof. Peichl: Die deutsche Industrie dürfte bis Jahresende in der Rezession verbleiben, wenngleich sich der Abschwung zuletzt abgeschwächt hat. Bei den Geschäftserwartungen und den Auftragsbeständen scheint die Talsohle erreicht zu sein. Darüber hinaus sollten kürzlich beschlossene fiskalische Maßnahmen wie Mehrleistungen in der Rentenversicherung und die teilweise Abschaffung des Solidaritätszuschlags den privaten Konsum in Deutschland weiter ankurbeln. Damit dürften sich die Wolken am Konjunkturhimmel weiter auflösen und die deutsche Wirtschaft erneut einen Wachstumskurs einschlagen.

onemarkets: Welchen Anteil hat der fortdauernde oder anhaltende Handelskonflikt zwischen den USA und China an der schwächelnden deutschen Wirtschaft? Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen, dass sich die USA mit China im US-Wahljahr 2020 auf ein Abkommen einigen?

Prof. Peichl: Unbestritten ist, dass der aktuelle Handelskonflikt zwischen den USA und China in der deutschen Industrie zu verstärkter Unsicherheit innerhalb von exportorientierten deutschen Unternehmen führt. Die Europäische Union wurde bisher von den US Strafzöllen weitgehend ausgenommen. Das kann sich selbstverständlich noch ändern, doch die Anzeichen mehren sich, dass keine weiteren gegen die EU gerichteten Zölle zu erwarten sind. Weil die Länder der EU durch geringere Handelsbarrieren jeweils besser mit China und den USA handeln können als die beiden Beteiligten untereinander, weist eine aktuelle Studie des ifo Instituts sogar auf einen leicht positiven Effekt der Handelsauseinandersetzung für Europa hin.

Gleichwohl bleibt im Sinne der Stabilisierung der fragilen Weltkonjunktur und der damit verbundenen besseren Planbarkeit der weltweiten Nachfrage nach deutschen Industriegütern eine Einigung zwischen China und den USA aus europäischer Sicht wünschenswert. Bis zu den US-Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr ist eine Beilegung des Konflikts von amerikanischer Seite jedoch nicht zu erwarten. Und auch trotz erheblicher wirtschaftlicher Einbußen würde in China weiterhin ein Einknicken vor den amerikanischen Forderungen innenpolitisch als Zeichen der Schwäche interpretiert werden. Aus diesem Grund rechne ich nicht mit einer baldigen Beilegung des Konflikts. Allerdings: eine Verschärfung des Konflikts ist aktuell ebenfalls eher unwahrscheinlich.

onemarkets: Der neuen Präsidentin Christine Lagarde von der Europäischen Zentralbank (EZB) scheinen nach den ohnehin schon niedrigen Zinsen die Hände gebunden. Welche Optionen bleiben der deutschen Regierung, um die Wirtschaft zu stimulieren? Steuersenkungen oder ein Konjunkturprogramm?

Prof. Peichl: Im Moment sehe ich keine Notwendigkeit für überzogenen politischen Aktionismus zur Stimulierung der Wirtschaft. Bis Anfang 2018 operierte die deutsche Wirtschaft an der Kapazitätsgrenze. Seither hat sich der Auslastungsgrad im Zuge der konjunkturellen Abkühlung weitgehend normalisiert, so dass es aus stabilisierungspolitischer Sicht keinen Anlass für ein kurzfristiges Konjunkturprogramm gibt. Sollte sich die konjunkturelle Erholung nicht fortsetzen, dürften die bestehenden fiskalischen Mechanismen, die sogenannten automatischen Stabilisatoren, zunächst ausreichen.

Steuersenkungen wurden durch die beschlossene weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlags bereits in die Wege geleitet. Über weitere Steuersenkungen – insbesondere im Bereich der Unternehmenssteuern zur Ankurbelung der Investitionstätigkeit) kann man selbstverständlich nachdenken, jedoch besteht auch in diese Richtung kein konjunkturpolitischer Imperativ. Zusätzliche, langfristig orientierte staatliche Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Digitalisierung würde ich hingegen begrüßen. Diese Investitionen sichern auch weiterhin die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandort Deutschland – allerdings sollten diese aus strategischen Überlegungen erfolgen und nicht als Konjunkturprogramm.

onemarkets: Was erwarten Sie von der EU? Kann die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Akzente setzen?

Prof. Peichl: Im Programm von Ursula von der Leyen finden sich einige Ideen, die aus ökonomischer und gesellschaftlicher Perspektive Deutschland und den europäischen Binnenmarkt stärken könnten. So ist beispielsweise die Vertiefung der Bankenunion durch die Schaffung einer europäischen Einlagensicherung sinnvoll, allerdings nur in Kombination mit strengeren Regeln zur Eigenkapitalunterlegung von Staatsanleihen. Auch im Bereich der Klimapolitik (z.B. Erweiterung des EU-Emissionshandelssystem auf weitere Sektoren, Weiterentwicklung der Europäische Investitionsbank) oder der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik (z.B. eine europäische Arbeitslosenrückversicherung) gibt es vielversprechende Ansätze. Es bleibt jedoch abzuwarten, welche dieser Maßnahmen im Rahmen des europäischen Gesetzgebungsprozesses auch tatsächlich angenommen werden können.

onemarkets: Deutschland ist weiterhin stark vom Export abhängig. Ist es nicht an der Zeit, stärker auf die Binnenwirtschaft zu setzen?

Prof. Peichl: Hier bin ich skeptisch. Die deutsche Industriestruktur (mit dem starken Mittelstand) ist auf die Produktion von international handelbaren Gütern ausgerichtet und wir sind damit bisher sehr gut gefahren. Eine Konzentration auf die Binnenwirtschaft würde eine stärkere Fokussierung auf Haushaltsprodukte und insbesondere Dienstleistungen nach sich ziehen, die zwar weniger schwankungsanfällig, aber auch weniger produktiv wären. Das ist meines Erachtens nicht sinnvoll.

onemarkets: Der DAX® steht dennoch im Bereich seines Allzeithochs, der EURO STOXX 50® auf einem Mehrjahreshoch. An den Börsen werden Erwartungen gehandelt. Diese stehen scheinbar im Widerspruch zu den ifo Geschäftserwartungen (Subkomponente des ifo Geschäftsklimaindex). Haben die Investoren etwas übersehen?

Prof. Peichl: Letztlich sehen wir auf den Aktienmärkten in den letzten 1-2 Jahren eine sehr volatile Seitwärtsentwicklung, die die gestiegene Unsicherheit widerspiegelt. In der Finance-Forschung ist der Zusammenhang zwischen Aktienkursen und fundamentalen Variablen umstritten. Die Literatur ist sich immer noch nicht einig, inwiefern fundamentale Variablen dauerhaft die Entwicklung der Aktienpreise vorhersagen können oder nicht. Insofern ist es schwer bis unmöglich, hier seriöse Prognosen abzugeben. Eine Kurskorrektur nach unten wäre auf Grundlage der fundamentalen Variablen durchaus gerechtfertigt – insbesondere wenn es aufgrund der konjunkturellen Schwäche zu einer weiteren Abwärtsrevision der Gewinnerwartungen kommt.

onemarkets: Was sind nach Ihrer Einschätzung die primären Themen, die uns 2020 aus konjunkturpolitischer Sicht beschäftigen werden?

Prof. Peichl: In Deutschland drängt sich die Frage auf, wie sich die Autoindustrie entwickeln wird. Strukturelle Dynamiken in Richtung des Elektroantriebs haben zuletzt den Sektor erheblich belastet. Neue politische Regelungen, die zu einer geringeren Dynamik bei der Nachfrage nach Autos mit Verbrennungsmotor beitragen, könnten der Konjunktur weiter Wind aus den Segeln nehmen. Die Unsicherheitsfaktoren Brexit und Handels­konflikt zwischen China und USA werden uns weiterhin begleiten. Das Risiko eines ungeordneten Brexits hat zwar in den letzten Monaten deutlich abgenommen, doch der Austritt trübt weiterhin den Konjunkturhimmel. Für das Jahr 2020 bleibt auch die Eskalation des Handelskonflikts zwischen China und den USA ein Konjunkturrisiko. Zuletzt haben sich allerdings die Signale vermehrt, dass die US-Regierung keine weiteren Strafzölle auf EU-Importe plant.

onemarkets: Herr Professor Peichl, wir bedanken uns für das Gespräch.


Hinweis:

Alle Meinungsaussagen oder Einschätzungen in diesem Interview geben die Einschätzung des Gesprächspartners wieder. Die hierin zum Ausdruck gebrachten Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der UniCredit Bank AG wider.

Professor Dr. Andreas Peichl ist Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen. Er lehrt als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München.

Bildnachweis:

  • UniCredit Bank AG

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