Interview: „Europa könnte der lachende Dritte sein“
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Für Christian Stocker, Equity Strategist und Director Corporate & Investment Banking bei der UniCredit, führt an Aktien trotz aller Unsicherheiten kein Weg vorbei. Die Ängste hinsichtlich eines möglichen Handelskrieges mit den USA hält der Aktienstratege für übertrieben.

onemarkets Magazinonemarkets: Das Börsenjahr 2018 zeigt sich außerordentlich volatil. Was steckt dahinter?

Christian Stocker: Der DAX® hat sich in neun Jahren mehr als verdreifacht. Es kam also nicht ganz überraschend, dass die Aktienmärkte eine Pause einlegen. Allerdings waren derart starke Schwankungen nicht zu erwarten. Sie kamen auch nicht von der fundamentalen Seite. Die Gewinntrends der Unternehmen sind weiterhin intakt. In Deutschland, aber auch in Europa und den USA. So profitieren die Unternehmen in den USA besonders von der Steuerreform und in Europa präsentierte ein großer Teil der Unternehmen für das erste Halbjahr robuste Zahlen. Für die jüngsten Schwankungen sind vielmehr hauptsächlich politische Unsicherheiten verantwortlich.

„Die Gewinntrends der Unternehmen sind weiterhin intakt.“

Christian Stocker, Equity Strategist und Director Corporate & Investment Banking bei der UniCredit

onemarkets: Das dritte Quartal neigt sich dem Ende zu. Auf welche Sektoren achten Sie derzeit besonders?

Stocker: Für die ersten beiden Quartale des Jahres fielen die Ergebnisse fast durchweg in allen Sektoren im Rahmen der Erwartungen aus. Dennoch sind wir beispielsweise im Automobilbereich momentan untergewichtet. Zwar fuhren die Autobauer gute Zahlen ein. Der Dieselskandal und die Neuorientierung in Richtung Elektromobilität und autonomes Fahren drücken jedoch auf die Margen. Bei den Banken haben wir zuletzt steigende Gewinne gesehen. Es werden wieder mehr Kredite vergeben. Das lässt erwarten, dass sich der Gewinntrend fortsetzt.

onemarkets: Wie steht es mit den Bewer­tungen?

Stocker: In der Vergangenheit entwickelten sich die Bewertungen – gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (Anm. d. Red.: KGV) – häufig parallel zu den Frühindikatoren. Stiegen die Frühindikatoren, gingen oftmals auch die Bewertungen nach oben und umgekehrt. Seit Jahresbeginn konnten wir einen deutlichen Rückgang bei den Frühindikatoren beobachten. Bestes Beispiel ist hier der ifo-Geschäftsklimaindex. Seit rund zwei Monaten stabilisieren sich die Indikatoren jedoch. Das könnte dazu führen, dass sich auch die Bewertungen wieder stabilisieren. In den zurückliegenden zwölf Jahren war beim EURO STOXX 50® ein KGV von zwölf häufig die Grenze zwischen Wachstums- und Rezessionsphase. Aktuell liegt das KGV bei rund 12,6 und die Konjunktur läuft. Wir sehen also die Auswirkungen der geopolitischen Spannungen zu einem gewissen Grad bereits eingepreist.

onemarkets: Wir hatten lange Zeit eine Outperformance bei der deutschen Wirtschaft und dem DAX® im Vergleich zu ihren europäischen Pendants. Dieses Jahr deutet sich ein Wechsel an.

Stocker: Der Blick auf die beiden Aktienbarometer DAX® und EURO STOXX 50® zeigt, dass sich der DAX® bisher im laufenden Jahr etwas schwächer entwickelte als der EURO STOXX 50® – obwohl Dividenden beim DAX® im Gegensatz zum EURO STOXX 50® einkalkuliert werden. Die relativ schwache Entwicklung des DAX® hat in erster Linie strukturelle Gründe. So finden sich mit den Auto­bauern, Chemie- und Industriekonzernen relativ viele Titel im Index, die direkt mit dem Konjunkturzyklus steigen und fallen. Diese Titel zeigen sich besonders anfällig für den derzeit herrschenden Handelskonflikt zwischen den USA und Europa bzw. China. Beim EURO STOXX 50® und zahlreichen anderen europäischen Aktienbarometern sind defensive Sektoren wie Healthcare, Food & Beverage sowie Öl & Gas stärker gewichtet. Diese Bereiche sind weitgehend unbeeinflusst von der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. Sie gaben den Aktienbarometern zuletzt Stabilität. Im DAX® sind diese Sektoren gar nicht repräsentiert.

onemarkets: Die Zollpolitik von Donald Trump ist derzeit das marktbeherrschende Thema. Zu Recht?

Stocker: Für mich erscheint das Thema übertrieben hochgekocht. Für die europäischen Firmen besteht zwar kurzfristig eine gewisse Unsicherheit. Dies führt zu Verschiebungen bei den Bestellungen und Erweiterungsinvestitionen. Diese lassen sich jedoch nicht ewig hinausschieben. Im Gegenteil: Nach rund einem halben Jahr müssen viele Unternehmen entscheiden, ob sie ihre Kapazitäten erweitern wollen oder nicht. Aktuell sind wir in dieser Unsicherheitsphase. Das Gespräch zwischen EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und US-Präsident Donald Trump im Juli hat zudem gezeigt, dass Europa aktuell nicht im Fokus von Trump liegt. Sein Hauptaugenmerk richtet er auf China. Wenn man die Entwicklungen zwischen den USA und China beobachtet, könnte Europa sogar der lachende Dritte sein. Jüngstes Beispiel ist der schrittweise Wegfall der 50-Prozent-Beteiligungsgrenze für Autobauer in China. Bisher mussten sich die ausländischen Autobauer stets mit einer Minderheitsbeteiligung begnügen. BMW plant nun, seinen Joint-Venture-Anteil mit Brilliance auf mindestens 75 Prozent zu erhöhen.

onemarkets: Wie sollten sich Anleger jetzt positionieren?

Stocker: Trotz der aktuellen Unsicherheit kommen Anleger nicht an Aktien vorbei. Zwar erhöht die US-Notenbank die Zinsen und die europäische Zentralbank plant das Ende des Wertpapierkaufprogramms. Um mittelfristig eine Rendite zu erzielen, ist es dennoch sinnvoll, auch auf Aktien zu setzen. Aktuell bewegen wir uns in der Endphase eines konjunkturellen Aufschwungs – der sogenannten Late-Cycle- Phase. In diesen Phasen fallen für gewöhn­lich die Kurse der Anleihen. Aktien laufen oftmals dennoch gut. Anleger sollten jedoch auf die Sektoren achten. Angesichts des bereits fortgeschrittenen Aufschwungs haben wir Zykliker derzeit untergewichtet und defensive Sektoren stärker gewichtet. Wie bereits erwähnt, favorisieren wir derzeit Bereiche wie beispielsweise Nahrungsmittel (Food & Beverage) und Hersteller von Gebrauchsgütern (Personal & Household Goods). Hier erfolgen sowohl die Produktion als auch der Konsum überwiegend lokal. Healthcare dagegen ist zwar ein globaler Markt. Durch Zölle wird er allerdings kaum eingeschränkt. Auch die Versorger sind stark lokal ausgerichtet. Aktuell unterliegen viele europäische Versorger jedoch einem Strukturwandel hin zu erneuerbaren Ener­gien, was die Margen im Vergleich zur Vergangenheit deutlich unter Druck gebracht hat. Große Sprünge erwarten wir am Aktienmarkt für den Rest des Jahres allerdings nicht. Sollte sich in den Handelskonflikten eine Lösung abzeichnen und dies zu einer entsprechenden Entspannung bei den Anlegern führen, besteht durchaus die Chance auf eine deutliche Erholung an den Aktienmärkten.

onemarkets: Anleger in Deutschland investieren primär in heimische Werte. Ist das die richtige Strategie?

Stocker: Die deutsche Wirtschaft dürfte dieses und nächstes Jahr robust bleiben. Zudem spielt ihr der stärkere US-Dollar in die Karten. Es erscheint jedoch durchaus möglich, dass sich der EURO STOXX 50® mittelfristig besser entwickelt als der DAX®. Die Bewertung ist moderat und das Verhältnis von positiven Gewinnrevisionen zu negativen Revisionen (Anm. d. Red.: Earnings Revisions Ratio) ist in der Eurozone in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Ein Anstieg der Earnings Revisions Ratio hat in der Vergangenheit regelmäßig die Kursentwicklung an den Aktienmärkten unterstützt. Das Gewinnmomentum zeigt also nach oben. Die US-Unternehmen profitieren zweifellos von der Steuerreform. Allerdings sorgt die Anhebung der Zölle für Inflation. Das könnte in den USA zu weiter steigenden Zinsen führen. Zudem waren zuletzt vermehrt negative Gewinnrevisionen zu beobachten. Hier lässt das Gewinnmomentum also allmählich nach.

onemarkets: Herr Stocker, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Bildnachweis:

  • UniCredit Bank AG

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