„Eine Rückverlagerung der Liefer­ketten nach Deutschland würde erhebliche Wohlstandsverluste mit sich bringen“
0
Print Friendly, PDF & Email

Professor Dr. Andreas Peichl, Leiter des ifo Zentrums für Makro­ökonomik und Befragungen, spricht im Interview mit dem onemarkets Magazin über die Stimmung in den Unternehmen, die anhaltenden Lieferengpässe sowie die Energieproblematik.


onemarkets: Seit zwei Jahren lastet das Corona-Virus auf der Konjunktur. Der Index für die ifo-Geschäftserwartungen ist seit dem Jahreswechsel wieder angestiegen. Was leiten Sie daraus ab?

Prof. Dr. Andreas Peichl: Die Auswirkungen der Omikron-Welle waren schwächer, als es zum Ende letzten Jahres erwartet wurde. Die angekündigten Öffnungsschritte schüren Optimismus bei Konsumenten und Unternehmen, welcher sich in den Geschäftserwartungen bis Mitte Februar widerspiegelt. Die Zeichen für die Binnenkonjunktur standen somit sehr gut und man konnte von einem starken wirtschaftlichen Aufschwung in diesem Jahr ausgehen. Aktuell besteht jedoch eine extrem große Unsicherheit wegen des Ukraine-Krieges, und dies wird die Konjunktur abermals dämpfen.

onemarkets: Ein großer Bremsklotz auf dem Weg zurück zur Normalität sind auch die Lieferengpässe in vielen Bereichen. Wie konnte es Ihrer Meinung nach so weit kommen und für wann erwarten Sie eine Rückkehr zu wie gewohnt funktionierenden Lieferketten?

Peichl: Die Lieferengpässe sind ein großes Problem. Die hohe Nachfrage nach Gütern, die sich auf stark spezialisierte Lieferketten verlassen, führte letztlich zu einer Überlastung der Produktions- und Transportkapazitäten und somit zu erheblichen Lieferengpässen, die weiterhin bestehen. Da es bisher kein historisches Beispiel von Lieferengpässen in dieser Bandbreite gibt, ist schwer vorauszusagen, wie lange diese Situation anhalten wird. Es ist aufgrund der Ergebnisse unserer ifo-Befragungen davon auszugehen, dass die Lieferengpässe noch mindestens bis zum Sommer andauern und sich durch den Ukraine-Krieg vermutlich noch weiter verschärfen werden.

onemarkets: Der ehemalige US-Präsident forderte bereits US-Firmen auf, wieder verstärkt im Inland zu produzieren. Muss Europa einen ähnlichen Weg einschlagen und Produktionskapazitäten nach Europa zurückholen, um die Risiken von Lieferengpässen einzudämmen?

Peichl: Die Corona-Pandemie hat die Vulnerabilität der globalen Lieferketten aufgezeigt. Dass es sich dabei um kein Ausnahmephänomen handelt, zeigt auch die Mangelproblematik bei Kabelbäumen oder Sonnenblumenöl. Eine höhere Resilienz der Unternehmen gegenüber diesen Risiken ist sicherlich wünschenswert. Eine komplette Rückverlagerung der Lieferketten nach Deutschland würde jedoch auf Kosten der Produktivität gehen und erhebliche Wohlstandsverluste mit sich bringen. Gerade Deutschland profitiert stark vom internationalen Güterhandel. Laut einer ifo-Studie würde eine vollständige Verlagerung der Lieferketten nach Deutschland einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um zehn Prozent und mehr bedeuten. Zudem ist der verstärkte Bezug von regionalen Produkten ebenfalls risikoanfällig, da nationale Schocks dann deutlich stärkere Auswirkungen auf die Produktion hätten. Eine höhere Resilienz der Unternehmen kann stattdessen über eine verstärkte Lagerhaltung und eine Diversifizierung der Lieferketten erreicht werden.

onemarkets: Kommt der Trend zu mehr Globalisierung jetzt zum Stillstand? Wird sich das Rad nun allmählich wieder zurückdrehen?

Peichl: Eine komplette Abkehr von der Globalisierung würde einen Verlust der Effizienzgewinne durch die internationale Arbeitsteilung bedeuten und bspw. auch eine geringere Produktvielfalt nach sich ziehen. Trotzdem haben die Erfahrungen der Corona-Pandemie dazu geführt, dass Unternehmen nun ihr Augenmerk verstärkt auf ihr Lieferkettenmanagement legen. In unserer Befragung sehen die Unternehmen eine stärkere Diversifizierung ihrer Lieferketten als wichtigste Stellschraube. Daneben wurden am häufigsten eine verstärkte Lagerhaltung und eine stärkere Überwachung der Lieferketten genannt.

onemarkets: Die Energie- sowie Öl- und Gaspreise sind zuletzt kräftig gestiegen. Was bedeutet das für die konjunkturelle Erholung in Deutschland und global?

Peichl: Die steigenden Energiepreise sind ein Haupttreiber der aktuellen Inflation. Im zurückliegenden Februar machte ihr direkter Einfluss über ein Drittel des Anstiegs der Verbraucherpreise aus. Dazu kommt, dass die Produzenten energieintensiver Produkte in der Lage sind, ihre steigenden Kosten an die Konsumenten weiterzugeben. Neben ihrem direkten Einfluss haben die Energiepreise somit auch einen indirekten Einfluss über die Preise anderer Güter. In der Summe reduzieren steigende Energiepreise somit die Kaufkraft der Haushalte. Gleichzeitig haben die Haushalte während der Corona-Pandemie eine Überersparnis angehäuft, mit welcher sich steigende Energiepreise zu einem gewissen Grad ausgleichen lassen. Der Nettoeffekt auf den Konsum ist also unklar. Ob die Energiepreise den wirtschaftlichen Aufschwung dämpfen können, hängt somit vor allem davon ab, wie stark die Konsumenten auf die Energiepreise reagieren und wie sich die Energiepreise im weiteren Verlauf des Ukraine-Krieges entwickeln. Vor allem Haushalte mit geringem Einkommen haben jedoch kaum Kapazitäten, um steigende Preise auszugleichen. Daher sind gezielte Transfermaßnahmen an diese Haushalte notwendig – ein allgemeiner Tankrabatt ist jedoch abzulehnen.

onemarkets: Zahlreiche Länder haben Öl- und Gasimporte aus Russland gestoppt oder planen es? Ist das überhaupt für Deutschland umsetzbar?

Peichl: Deutschland importiert mit einem Drittel einen verhältnismäßig großen Anteil seines Energiebedarfs aus Russland und damit relativ billig. Während sich Öl- und Kohle-Importe gut durch Importe aus anderen Ländern substituieren lassen, ist das bei Gas aufgrund des bestehenden Pipeline-Netzwerks und der fehlenden Terminals für Flüssiggas ungleich schwieriger. Die Auswirkungen eines Embargos hängen dabei maßgeblich davon ab, wie gut sich die russischen Energieimporte durch Energie aus anderen Ländern substituieren lässt und inwieweit sich die Produktionsstruktur an einen Mangel an fossiler Energie anpassen kann. Zudem sind die Auswirkungen geringer, je mehr Zeit für die Umstellung bleibt. Daher sollten, unabhängig davon, ob ein Embargo bevorsteht oder nicht, jetzt entsprechende Anpassungsanreize gesetzt werden.

onemarkets: Welcher Bereich könnte davon profitieren: die erneuerbaren Energien, Wasserstofftechnologien?

Peichl: Kurzfristig müsste vor allem auf Importe aus anderen Ländern und Energieträger wie Braunkohle gesetzt werden. Mittel- bis langfristig tragen aber vor allem der Ausbau und die Nutzung erneuerbarer Energien sowie eine stärkere Energieeffizienz zur Unabhängigkeit von Energieimporten bei. Ein weiterer Ausbau der erneuerbaren Energien wäre auch für die verstärkte Nutzung grünen Wasserstoffs in der Industrie notwendig. Viele der Anpassungen, die im Rahmen des Embargos diskutiert werden, wie z. B. der Ausbau erneuerbarer Energien und die verringerte Nutzung fossiler Energieträger in der Industrie, finden im Zuge der grünen Transformation bereits statt, könnten und sollten durch die aktuelle Situation aber noch mal beschleunigt werden.

onemarkets: Herr Prof. Dr. Peichl, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.


Professor Dr. Andreas Peichl ist seit Juni 2017 Leiter des ifo Zen­trums für Makroökonomik und Befragungen. Ebenfalls seit Juni 2017 bekleidet der 43-­jährige Ökonom die Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Finanzwissenschaft, an der Münchener Ludwig-Maximilians­-Universität

Bildnachweis:
UniCredit Bank AG

Bitte beachten Sie die wichtigen Hinweise und den Haftungsausschluss.

Diese Informationen stellen keine Anlageberatung, sondern eine Werbung dar. Das öffentliche Angebot erfolgt ausschließlich auf Grundlage eines Wertpapierprospekts, der von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ("BaFin") gebilligt wurde. Die Billigung des Prospekts ist nicht als Empfehlung zu verstehen, diese Wertpapiere der UniCredit Bank AG zu erwerben. Allein maßgeblich sind der Prospekt einschließlich etwaiger Nachträge und die Endgültigen Bedingungen. Es wird empfohlen, diese Dokumente vor jeder Anlageentscheidung aufmerksam zu lesen, um die potenziellen Risiken und Chancen bei der Entscheidung für eine Anlage vollends zu verstehen. Sie sind im Begriff, ein Produkt zu erwerben, das nicht einfach ist und schwer zu verstehen sein kann.

Funktionsweisen der HVB Produkte

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.